Wie alles begann und was schiefgelaufen ist
Im Jahr 1835 besuchte der Naturforscher Charles Darwin die Galápagos-Inseln und prägte damit die Wissenschaftsgeschichte. Damals dominierten Riesenschildkröten die Inseln: Durch Grasen, das Anlegen von Trampelpfaden und das Verbreiten von Samen bestimmten sie die Ökosysteme mit. Seeleute sahen die Tiere allerdings als „bewegliche Fässer Fleisch“ und kombinierten Jagd, Eiersammeln und das Einschleppen von Arten wie Ziegen und Schweinen. Das führte zu einem dramatischen Rückgang der Schildkrötenbestände. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts waren viele Populationen verschwunden; das veränderte die Inselökosysteme tiefgreifend. Dickichte breiteten sich aus, die Samenverbreitung brach zusammen, und das Feuergeschehen wandelte sich. Fast 150 Jahre arbeiteten die Schlüsselprozesse der Galápagos-Ökosysteme nur auf halber Leistung, bis eine neue Erholungsphase begann.
Wie die Wiederansiedlung ablief
In den 1990er Jahren starteten der Galápagos-Nationalpark und die Galápagos Conservancy ein bislang einmaliges Wiederansiedlungsprogramm. In Zuchtzentren wurden Schlüpflinge (Jungtiere) aus den letzten verbleibenden Tieren und geborgenen Hybriden aus entlegenen Gebieten aufgezogen. Diese Jungtiere wurden dann behutsam auf verschiedene Inseln gebracht, darunter Española, Santa Fé, Pinzón und Teile von Santa Cruz. Insgesamt kehrten so mehr als 1.500 Riesenschildkröten in die Wildnis zurück und übernahmen rasch wieder ihre historische Rolle als Ökosystem‑Ingenieure.
Was die Schildkröten im Ökosystem bewirken
Durch ihr Verhalten haben die Schildkröten die Ausbreitung invasiver Sträucher deutlich gebremst. Sie fressen niedrige Vegetation, schieben sich durchs Gestrüpp und trampeln junge Sträucher nieder. Das öffnet Korridore, die von kleinen Vögeln und Reptilien genutzt werden. Auf Española kehrte die Anwesenheit der Schildkröten den jahrzehntelangen Trend der Vegetationsverdrängung durch invasive Gräser und Sträucher um — das belegen Luftaufnahmen und Vegetationsparzellen.
Zusätzlich spielen Schildkröten eine große Rolle bei der Samenverbreitung. Fleischige Früchte werden ganz verschluckt und intakte Samen über den Verdauungsweg verteilt, oft über Entfernungen von 3–5 km. Die Ausscheidungen in nährstoffreichen Kothaufen fördern die Keimung und helfen bei der Wiederansiedlung einheimischer Pflanzen wie Opuntia, Piscidia carthagenensis und Scalesia.
Natürliche Infrastruktur — Vorteile und Herausforderungen
Die Schildkröten funktionieren wie eine lebende Infrastruktur: sie brauchen keinen externen Treibstoff und haben eine Lebenserwartung von über 100 Jahren. Das ist eine nachhaltige Lösung, die die Umwelt deutlich weniger belastet als viele technische Maßnahmen. Trotzdem braucht das Projekt kontinuierliches Monitoring, Management und Schutzmaßnahmen, um Gefahren wie eingeschleppte Arten und klimabedingte Veränderungen in Schach zu halten.
Was man daraus lernen kann
Das Galápagos‑Projekt liefert wichtige Erkenntnisse für Rewilding‑Initiativen weltweit. Die Idee, verloren gegangene Funktionen eines Ökosystems durch die Wiederansiedlung passender Arten wiederherzustellen, hat hier funktioniert. Die Erfolge auf den Galápagos‑Inseln zeigen, dass man ganze Systeme in widerstandsfähigere Zustände zurückversetzen kann und lassen fragen, welche Regionen von solchen Ansätzen profitieren könnten.
Die Langsamkeit der Schildkröten ist zugleich ein Sinnbild dafür, wie schnell sich Ökosysteme erholen können, wenn das richtige Element zurückkehrt. Die Geschichte der Galápagos‑Riesenschildkröten regt an und fordert dazu auf, die Rolle der Natur bei der Wiederherstellung unserer Welt neu zu betrachten.