Welche Rolle hat der Winter in der Natur?
Die Kälte im Winter ist für viele biologische Abläufe unverzichtbar. Durch Vernalisierung (die sogenannte Winterruhe, die Pflanzen brauchen, um im Frühjahr auszutreiben) können Pflanzen Energie sparen und dann kräftig neu ausschlagen. Serge Zaka, Agroklimatologe, hebt hervor, dass der fehlende Kältereiz für die Arborikultur zu den Hauptanpassungsproblemen an den Klimawandel gehört. Beim Apfelbaum etwa benötigen die meisten Sorten 1.000 Stunden mit Temperaturen unter 7,2 °C, damit sie eine produktive Blüte einleiten können.
Nicht nur Pflanzen profitieren von der winterlichen Kälte, sondern auch Tiere. Philippe Grandcolas, Ökologe beim CNRS, erklärt, dass viele Insekten überwintern und ihren Stoffwechsel drosseln. Sind die Winter zu mild, können Insekten wie Marienkäfer zu früh aus der Winterruhe erwachen, nichts zu fressen finden und dadurch Probleme beim Überleben bekommen.
Wie hilft der Winter der Landwirtschaft und bei Schädlingsbekämpfung?
Ein strenger Winter bringt für die Landwirtschaft auch Vorteile. Frost wirkt als natürliches Insektizid und reduziert Populationen von Schädlingen, etwa Blattläuse an der Zuckerrübe oder kleine Mücken, die Krankheiten wie die “dermatose nodulaire contagieuse” bei Rindern verbreiten (eine ansteckende Hautkrankheit bei Rindern). Ein harter Winter kann also helfen, die Verbreitung von Krankheiten innerhalb der französischen Viehherden zu kontrollieren.
Ändert sich aber die Häufigkeit von Frosttagen, hat das Folgen für die Obstproduktion. Aprikosensorten im Rhônetal litten zum Beispiel vor ein oder zwei Jahren unter fehlender Kälte und trugen deshalb keine Früchte. Fehlt die nötige Kälte weiterhin, könnte dieses Problem künftig öfter auftreten.
Klimawandel: Gefahr fürs natürliche Gleichgewicht
Der empfindliche Rhythmus des Winters gerät durch die Erwärmung der Erde zunehmend aus dem Takt. Kältewellen werden immer seltener, zuletzt war das im Februar 2018 deutlich zu sehen. Météo France (der französische Wetterdienst) weist darauf hin, dass die aktuelle Kälteperiode meteorologisch gesehen nicht einmal als Kältewelle gilt, weil die Temperaturen nicht tief genug und nicht lange genug fallen.
Der Trend ist eindeutig: Die durchschnittliche Zahl von 50 Frosttagen pro Jahr könnte bis 2050 auf etwa 30 Frosttage sinken. Ein weiterer Verlust an Winterkälte würde nicht nur die Landwirtschaft treffen, sondern auch die Balance der Insektenpopulationen stören.
Ohne den regulierenden Einfluss der Winterkälte stehen nicht nur Landwirtschaft und Tierwelt in Frankreich auf dem Spiel, sondern letzten Endes alle, die von funktionierenden Ökosystemen abhängen. Diese Entwicklungen verlangen mehr Bewusstsein und Handeln, um das fragile Gleichgewicht der Natur zu bewahren und kommende Generationen zu schützen. Der Klimawandel und seine Folgen sind keine ferne Zukunft mehr, sondern eine aktuelle Herausforderung, die dringend angegangen werden muss.